E-Learning in Deutschland: Interview mit Julian Riedlbauer

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Julian Riedlbauer
Copyright Foto: Julian Riedlbauer GP Bullhound

Der globale Markt für E-Learning hat ein explosives Wachstum hingelegt. Katalysator für den E-Learning-Boom war die Corona-Krise. Doch E-Learning ist gekommen, um auch nach der Covid-Pandemie zu bleiben. 

Laut einem aktuellen Report der Investmentbank und M&A-Beratung GP Bullhound werden die Ausgaben für VR Education von 1,8 Mrd Dollar im Jahr 2018 auf 12,6 Mrd Dollar im Jahr 2025 steigen. Den Markt für Lernspiele schätzt der Report auf 6,9 Mrd Dollar im Jahr 2021 und prognostiziert einen Anstieg auf 15,8 Mrd Dollar bis zum Jahr 2025.

Doch wie steht es um den digitalen Ausbau der Bildungsinfrastruktur in Deutschland? Lassen sich auch auf dem deutschen Markt mit E-Learning Umsätze erzielen, wie auf internationalen Märkten? Wir haben hierüber mit Julian Riedlbauer, Partner und Deutschlandchef von GP Bullhound, gesprochen.

Der Markt für E-Learning in Deutschland

Laut Julian Riedlbauer ist der Heimatmarkt für digitales Lernen viel kleiner und konservativer als insbesondere der amerikanische Markt. “Wenn man Content für eine deutsche Zielgruppe in deutscher Sprache erstellt, ist die Nutzerschaft wesentlich kleiner als im englischsprachigen Umfeld. Daher kann in Deutschland nicht so viel investiert werden, wie beispielsweise in den USA”, so Riedlbauer. 

Sowohl zur Plattformentwicklung als auch zur Contententwicklung seien große Investitionen nötig. Daraus folgten klare Vorteile für E-Learning-Anbieter auf englischsprachigen Märkten. Zum Beispiel im adaptiven Lernen und künstlicher Intelligenz liege der deutsche Markt für E-Learning meilenweit hinter dem der USA. Immerhin habe Babbel in Deutschland Elemente von Adaptive Learning erfolgreich in seiner App umgesetzt. Mit den ganz großen Edtech-Anbietern, beispielsweise Achievable oder Perlego, sei dies jedoch nicht vergleichbar. 

In Deutschland treffe man auf ein stark staatlich geprägtes Schul- und Verwaltungssystem mit eher konservativen Lehrkräften. Die deutschen Schulen hätten wenig Wettbewerb, würden stark von den Kultusministerien kontrolliert und könnten im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben nur begrenzt eigene Entscheidungen treffen. 

Zudem falle im internationalen Vergleich auf, dass die Akzeptanz, Geld für Bildung zu bezahlen, in Deutschland sehr gering ausgeprägt ist. 

Julian Riedlbauer verweist außerdem auf die extreme Fragmentierung der deutschen Bildungslandschaft, die sich aus dem Föderalismus ergibt, sowie die umfangreiche deutsche Datenschutzgesetzgebung. Beides wirke sich hindernd auf die Umsetzung von E-Learning an Schulen aus.

E-Learning-Superstars “Made in Germany”

Dennoch habe der Markt für E-Learning in Deutschland extrem erfolgreiche Startups hervorgebracht: Babbel, Busuu, Lingoda und Sofatutor, Speexx, Coachhub und GoStudent. 

“Lingoda hat bei der letzten Runde, die von uns beraten wurde, 68 Mio. US-Dollar eingesammelt”, so Riedlbauer. Laut Crunchbase habe Babbel bisher 33 Mio. US-Dollar erhalten. 

Dass sich Unternehmen auf englischsprachigen E-Learning-Märkten jedoch in völlig anderen Größenordnungen bewegen, wird laut Julian Riedlbauer am Beispiel von Chegg erkennbar, welches bereits vor seinem Börsengang 227 Mio Dollar Finanzierung erhalten hatte und durch den Börsengang erneut rund 187 Mio Dollar einsammeln konnte. “Das ist in Summe inklusive IPO-Erlös mehr als jemals in ein deutsches E-Learning-Unternehmen geflossen ist”, so der Deutschlandchef von GP Bullhound.

So klappt Wachstum von E-Learning im Bildungswesen

Auf unsere Frage, durch welche Maßnahme auf der Policy-Ebene sich die Digitalisierung des Unterrichts am wirkungsvollsten beschleunigen ließe, nannte Julian Riedlbauer zwei Schritte:

Erstens solle Bildung nicht mehr Ländersache, sondern Bundesangelegenheit werden, damit größere Budgets freigegeben werden könnten und es sich lohne, in die Entwicklung von großen Learning Solutions für die Gymnasien, aber auch beispielsweise für digitales Lernen in der Grundschule sowie an Haupt- und Realschulen zu investieren. Für optimale Cloudlösungen sowie Learning Solutions im Bereich Adaptive Learning und Virtual Reality an Schulen seien die Budgets der einzelnen Bundesländer zu klein. Nur mit einer bundesweiten Investition könne dies gelingen. 

Zweitens sei die digitale Fortbildung der Lehrkräfte zu fördern, so dass Hemmschwellen für E-Learning an Schulen abgebaut werden. Momentan müssten häufig die Schüler den Lehrern zeigen, wie man digitale Medien bedient.

Upskilling und Berufslizenzen: Chancen für den deutschen E-Learning-Markt

Vergleichsweise positiv bewertet Julian Riedlbauer das Marktvolumen für E-Learning bei Weiter- und Umschulungen in Unternehmen. Auf der regulatorischen Seite sei in dieser Hinsicht wesentlich mehr getan worden, als im schulischen und universitären Bereich.

Beispielsweise habe es in Deutschland schon immer Bildungsurlaube gegeben, auf die ein rechtlicher Anspruch besteht. Firmen könnten Mitarbeiterschulungen steuerlich abschreiben. Auch die Arbeitsagentur fördere berufliche Umschulungen, von denen viele bereits in Form von Online-Kursen stattfänden. Karrieretutor sei beispielsweise ein großer Anbieter beruflicher Umschulungen mit Förderung vom Arbeitsamt. Zusätzliche Beispiele für digitale Weiterbildungsanbieter, die vom Jobcenter gefördert werden, seien die Berliner Startups Digital Careers Institute (DCI) und Careers Foundry. (Zu E-Learning-Unternehmen aus Berlin haben wir übrigens einen eigenen Artikel geschrieben.)     

Für den Zukunftsmarkt E-Learning in Deutschland komme es in den Bereichen Upskilling und Berufslizenzen entscheidend auf die Akzeptanz bei Arbeitgebern an. Viele Firmen beauftragten bereits private Anbieter von Firmenschulungen, auch mit Online-Weiterbildungen.

Neue Berufsbilder dank Wachstum der E-Learning-Branche?

Die Entstehung völlig neuer Berufe im Zuge des E-Learning-Booms sieht Julian Riedlbauer nicht. Stattdessen spiele die Digitalisierung von Bildung in die bestehenden Berufsbilder hinein. Berufe, welche vom Wachstum im E-Learning besonders profitieren, seien Front- und Backend-Developer, Softwareentwickler, Cybersecurity-Experte, Sales und Customer Support, sowie Educational Learning Designer. Der einzig neue Beruf in dieser Reihe sei der Educational Learning Designer, der die Gesamtentwicklung von Lernlösung organisiert. (Wir haben übrigens einen eigenen Beitrag zu den 7 wichtigsten E-Learning-Berufen geschrieben sowie einen Artikel speziell zum Thema Wie werde ich Educational Learning Designer?)

Fazit und Bewertung

Julian Riedlbauer identifiziert in dem Gespräch den kleinen und fragmentierten Markt für schulische und universitäre Bildung sowie die konservative Bildungskultur in Deutschland als zentrale Hindernisse für E-Learning im Bildungsbereich. Trotz vieler Hürden konnten sich im deutschsprachigen Raum einige erfolgreiche E-Learning-Startups etablieren. Die großen Innovationen im Bereich digitales Lernen sind jedoch nach wie vor eher aus angelsächsischen Ländern, insbesondere den USA, zu erwarten.

Treiber von E-Learning in Deutschland ist die Privatwirtschaft, welche E-Learning zur Mitarbeiterschulung einsetzt. Beispielsweise findet VR Education hierzulande vor allem im Kontext der Maschinenbau-Industrie statt. Fortbildungen und berufliche Umschulungen werden in Deutschland auch vom Arbeitsamt relative stark bezuschusst, woraus sich interessante Möglichkeiten für E-Learning-Unternehmen ergeben.


Zwei Voraussetzungen für den Durchbruch von E-Learning im staatlichen Bildungswesen sind die digitale Kompetenz der akademischen Lehrkräfte und das Ende des Bildungsföderalismus oder zumindest eine bundesweite Investition in Learning Solutions für Schulen und Universitäten in Deutschland.

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